Venedig sehen – und sterben?!

Von jeher fasziniert mich das Morbide, Verfallene. Über manches muss man lernen hinwegzusehen, anderes wird von den vielen Touristen (mit)verursacht, die Venedig kurzfristig und unachtsam besuchen. Natürlich entgeht mir in der Serenissima nicht, dass vieles im Argen liegt, aber wenn man das ausblenden kann, ist die Fahrt über den Canal Grande wie eine Zeitreise durch die letzten Jahrhunderte. Versucht beim nächsten Venedig-Besuch Palazzi für Palazzi zu bewundern, denn manche gehen angesichts der bekanntesten Palazzi wie den Ca`d`Oro oder Ca`Rezzonico sowie der Palazzo Dario einfach unter.

Hinter die Fassaden blicken

Viele Palazzi beherbergen Museen, die du besichtigen kannst. Ich muss gestehen, angesichts der vielen Museen in Venedig habe ich manche Ausstellungen nur besucht, um endlich in den Genuss dieser eindrucksvollen Architektur zu kommen. Dabei erfuhr ich, dass die im Sommer angenehm kühlen hohen Räume zwar sehr angenehm sind, aber im Winter enorm viel Geld für die Beheizung kosten. So ging es durch manches Museum wie im Palazzo Fortuny mit Schal und Mantel, denn aus Kostengründen werden nur die Räume beheizt, in denen kostbare Ausstellungsstücke zu besichtigen waren. Ein bezahlbarer Preis, dass ich auf diese Weise auch andere venezianische Paläste kennen lernen konnte.

Palazzo Fortuny – Venedig – Kunst auf alten Wänden

Übrigens: Wer sich einer kleinen Tour durch die Räume des Ca Foscari anmeldet, hat die Chance, einen fantastischen Blick an der Biegung des Canal Grande zu machen. Leider ging der Blick in meinem Fall nur durch die Glasscheiben vor der Brüstung. Macht nix. Die Aussicht ist wirklich spektakulär und schenkte mir neue Perspektiven.

Die Stadt hat ihren Zauber nicht verloren, wenn man über den Schmutz, die berühmt-berüchtigten fliegenden Schwarzmarkt-Händler mit ihren Taschen, die stete Bedrohung durch das Hochwasser und vieles mehr, großzügig hinwegsieht. In seltenen Augenblicken, wenn man in schmalen Gässchen entlangläuft und sich von der prächtigen Geschichte der Serenissima in den Bann ziehen lässt. und meint, die Stadt gehöre nur einem selbst. Venedig sehen – das bedeutet auch sich auf diese Stadt einzulassen. Sich nicht von überteuerten Touristenfallen ablenken lassen, von Japanern in Massen. Die morbide Schönheit einer Stadt, die nicht unberührt lassen kann. 

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Palazzo Ducale: Den Geheimnissen auf der Spur

Ich hatte mehrere schöne Erlebnisse und hab viel Zeit in Museen und natürlich dem Dogenpalast gemacht. Seufz. Auch die “geheime Führung”, secret itineraries, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Denn nur so kann man die berühmte Schreibkammer einer meiner Protagonistinnen bewundern. Die Kammer ist nicht hoch, ein geteiltes Stockwerk und was hat mein Autorenherz nicht innerlich geweint, weil ich dort nicht fotografieren durfte. Ich versuchte, das irgendwie heimlich zu machen, weil es mich echt wahnsinnig machte. Da, genau meine Geschichte vor Augen und doch darfst du sie nur mit den SInnen des Augenblicks auskosten.

In dem Moment waren mir Bakterien oder die leicht irritierten Blicke anderer Besucher egal. Ich hab mit den Augen und Händen und Ohren aufgesaugt, was nur ging. Echt schlimm zu sehen waren die Verliese. Da wurde mir – ehrlich – selbst schwummrig, besonders wenn man die Wasserränder sieht, die die Höhe des Hochwassers anzeigten. Und dann mach dir klar, dass da Menschen eingesperrt waren und schau dir die Höhe der einzelnen Zellen an, dann die Höhe der Wasserpegel! Oh ja, mir läuft gerade wieder ein Schauer über den Rücken. Es waren heftige, emotionale Momente.

Palazzo Ducale – Venedig – leider unscharfe Aufnahme der Schreibkammer

Highlight: Inzwischen hat man von der “Nicht-fotografieren-Regel” offenbar Abstand genommen und ich konnte mich bei meinem letzten Besuch austoben. In Erinnerung hatte ich die Kammer wesentlich kleiner und niedriger, aber die Faszination ist ungebrochen.

Autorentipp: Wer fragt, gewinnt!

Es gab in Venedig viele schöne Momente. Ich hab lange um und vor dem Arsenal herumgeschlichen, durfte nicht rein – zumindest war ich damals so dumm, nicht nachzufragen, was mich ärgert! – und hatte dann das Glück, dass gerade ein Boot einlief. Kaum waren die Tore geöffnet, ging der Auslöser meiner Kamera ungestüm los. Egal wie, ich wollte einfach möglichst viele Fotos haben von dem, was dahinter lag. Lacht nicht, heute bin ich flexibler und mutiger. Ich frage, ob ich Einlass finde und manchmal bin ich doch selbst erstaunt, wo ich überall Zutritt bekommen habe und mich hinterher doppelt gefreut habe, weil ich einfach mal angefragt hatte. Unterschätzt niemals die ehrliche Begeisterung und das Interesse einer Autorin, die damit auf das Verständnis des jeweiligen Gegenübers trifft und oft sogar noch Anekdoten oder Ratschläge bekommt, die in keiner Literatur zu finden sind. 

Himmel, ich sollt lernen, mich kurz zu fassen in den Blogs, aber ihr seht, meine Leidenschaft schürt meinen Wunsch, euch tiefere Einblicke in meine Erlebnisse zu geben. Einmal stand ich im Innenhof des Dogenpalasts und – ich habe ja hier schon mal mein Interesse an Rückführungen angedeutet – wer weiß, ob ich Venedig nicht tatsächlich auf eine Art kennengelernt habe, die mich ängstigen würde. In diesem Moment war ich Isabella, die Heldin meines Romans “Nebel über dem Canal Grande”. Ich kann es nicht näher beschreiben, ein kurzer Augenblick nur, aber es war beeindruckend. Mein verträumtes Gesicht, als ich über den Wandelgang schritt, die Hand über die bocca di Leone gelegt hatte – wer mich damals gesehen hat, wird jetzt nicken und denken, ja, ich dachte, die ist irgendwie verrückt. Es war magisch.

Palazzo Ducale – Schreibkammer Archivo – Venedig

Kleine Ergänzung zu obigem Bild: Die Kästen zu beiden Seiten tragen die Wappen der bedeutendsten venezianischen Familien. Hier wurden wichtige Urkunden aufbewahrt, in zweifacher Ausführung wegen der hohen Brandgefahr. Geschichte pur in diesem Raum, herrlich, oder?

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Und diese Augenblicke sind auch ein wunderschöner Ausgleich für die Mühsal, wenn man manchmal tatsächlich stundenlang, tagelang in seinem Kämmerchen sitzt und brütet. Drum verletzt mich auch Kritik besonders. Nicht, weil ich denke, klar, heute würde ich diese oder jene Passage anders, besser, schreiben, sondern weil für mich negative Kritik manchmal auch eine Absage oder Missachtung der vielen Arbeit ist, die in jedem Buch steckt. 

Manchmal wünsche ich mir, dass nur einer, der eine richtig fiese Rezension hinterlässt, einen Tag lang mit mir tauscht oder mit einer meiner Kolleginnen. Natürlich kann ich ein Buch binnen drei Tagen lesen, ich lese viel, aber ich schreibe kein Buch innerhalb dieser kurzen Zeitspanne. Nicht mal ein verkaufsfähiges Exposé! Ich klage nicht, keine Sorge, ich wollte nur die Kehrseite zeigen, denn kein Autor schreibt “freiwillig” ein schlechtes Buch bzw. ein Buch, das offenbar die Leserschaft in ihrer Meinung derart spaltet.

Liest du gerne historische Romane? Warum und war vielleicht schon ein Buch dabei, das in der Serenissima ihren Schauplatz findet? Ich freue mich auf deine Antwort. Hab einen schönen Tag!

Ciao Manu
Autorin und Bloggerin aus Leidenschaft, die Euch gerne auf ihren Recherche-Reisen quer durch Italien mitnimmt!

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