Italien im 21. Jahrhundert

Zugegeben, der Titel ist etwas reißerisch, aber vielleicht nicht ganz so an den Haaren herbeigezogen, wie es klingen mag. Natürlich steht es außer Frage, dass Italien zu den höchst verschuldeten Ländern der EU zählt (2,3 Billiarden Euro – noch mehr als Griechenland!), was angesichts der Vielfalt an kulturellen Schätzen allein in bella roma oder den halb verfallenen Palazzi in Venedig bitter ist. Nach einer Studie der Lebenszufriedenheit schätzen sich die Italiener mit 6.0 als zufrieden ein, aber zweifelsohne ist man nicht in allen Punkten glücklich.

Wenn man jedoch in Kalabrien unterwegs ist, erkennt man, wie wenig manche Menschen oft zum Glück brauchen. Die Landschaft ist reich an Eindrücken, die Gesichter der Kalabresen verrät das harte Los, sich mit der Landwirtschaft oder den Einnahmen aus dem Tourismus über Wasser zu halten. Hier ticken die Uhren anders. Bei der Fahrt durch kleine Dörfer und größere Städte bemerke ich eher negative Dinge und schäme mich, denn mein Lebensstandard ist ungleich höher als der in dieser ärmsten Region Italiens. Fernab der großen Städte und Finanzzentren bekam Kalabrien schon in den letzten Jahrzehnten wohl immer nur die letzten Euro aus der Staatskasse ab.

Wenn die Gassen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen

Bei einem Besuch in einem Supermarkt fragt man sich ernsthaft, ob gerade der Notstand ausgerufen wurde. Angesichts der halbleeren Regale und der eher dürftigen Auswahl wird klar, hier gibt es an manchen Tagen nicht mehr als das Notwendigste, dass der Kalabrese für sich und seine Familie einkauft. Bei einem Einkommen, das für viele deutlich jenseits der Jammergrenze in unseren Landen liegt, drehen viele den Euro noch ein weiteres Mal um.

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Die meisten leben vom Tourismus, der aber nicht wie in Venedig oder Florenz, ganzjährig buchbar ist. Die Hauptsaison in Kalabrien beginnt im Mai, mitunter im April oder erst im Juni, und läuft bis September, Oktober. Danach ist Schluss. Wer länger als sechs Monate gearbeitet hat, bekommt Arbeitslosengeld. Wer weniger Glück hatte, muss mit dem Verdienst des Sommers bis zur nächsten Saison auskommen.

Im Mai sind viele Geschäfte und Lokale geschlossen. In Tropea laden viele Gässchen zum Spazieren gehen ein und man konnte ungestört fotografieren. Im Juni zeigt sich ein anderes Bild. Die Gassen sind lebendig. Fast alle Geschäfte haben geöffnet und begeistern mit ihren bunten, liebevoll gestalteten Schaufenstern. An im Mai noch verschlossenen Pforten unscheinbarer Häuser ploppen im Juni kleine Straßencafés auf und laden zum Verweilen ein. Bella italia – da bist ja! Das ist das Schöne hier: Die Menschen klagen nicht, sie nehmen das Leben, wie es ist – Che sara, sara – und es ist gut. Und ja, manchmal sind sie mit Touristen, die nicht Italienisch können, überfordert oder wünschen sich die alten Zeiten zurück.

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Kalabrien – azurblaues Meer

Una volta prima – Früher einmal …

Obwohl es schon seit Jahrzehnten Touristen gibt, die es nach Kalabrien verschlägt, steckt dieser noch heute in den Kinderschuhen. Der kleine Flughafen Lamezia Terme erreicht rasch seine Kapazitäten, wenn im Sommer mehrere Flieger gleichzeitig starten und landen möchten. Wartezeiten stehen an der Tagesordnung, ein pünktlicher Abflug grenzt an ein Wunder. In Tropea und Umgebung werden viele Privatwohnungen und Palazzi über airnb vermietet. Die Besucher freuen sich über authentische Wohnerlebnisse mitten im Centro storico, der Altstadt Tropeas. Die Vermieter freuen sich über einen kleinen Zuverdienst, während sie über die Sommermonate ihre Unterkünfte den Touristen überlassen.

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Die gute alte Zeit: Da konnten sich die Alten noch ungestört auf der Piazza Cannone zusammensetzen und zum Stromboli schauen. Heute dominieren auf dem wohl beliebtesten Aussichtspunkt Touristen, die ein Selfie von der namensgebenden Kanone machen und sich an der imposanten steil abfallenden Kulisse der Häuser kaum satt sehen können. Ja, sie freuen sich, die Kalabresen, wenn der Herbst kommt und die Touristenscharen weniger werden. An manchen Tagen kann man die Uhr danach richten, wann der nächste Autobus seine vorfreudige Reiseschar in der Nähe des Bahnhofs aussteigen lässt.

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Tropea …

Wenn es in Tropea wieder ruhiger ist und das Leben in seinen gewohnten Bahnen verläuft, finden sich dieselben Einheimischen an denselben Tisch, an dem sie wohl das ganze Jahr über ihren Cappuccino trinken. Warum ich das weiß? Weil ich an meinen Lieblingsorten länger verweilte, um zu schreiben und immer, immer wieder, Menschen erkannte, die ich am Vortag und am Tag davor … ja, Tropea ist klein und überschaubar, aber liebens- und erlebenswert.

Meine Lieblingsorte in Tropea

Im Sommer sind die Gassen überfüllt, aber das stört nicht (immer). Und wenn doch, dann zieht man einfach ein paar Schritte weiter, wo gewiss ein Fleckchen auf dich wartet, wo du dich fast allein mit der Geschichte dieser Stadt verbunden fühlst. Das ist vielleicht der wahre Zauber Tropeas. Der Stolz der Einwohner kommt nicht von ungefähr und war mit ein Grund, warum ich unbedingt hierher kommen wollte. Gab es einen Moment, in dem ich das bereut habe? Nein, ein Stück meines Autorenherzens blieb hier und stillt mein Fernweh, wenn ich daheim bin, um an den Bella Calabria – Romanen zu arbeiten. Ich träume mich an meine Lieblingsorte in Tropea, schließe die Augen und mein Herz geht über … ti amo, calabria.

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Geht es dir ebenso? Wo hast du dein Herz verloren bzw. wo fandest du es wieder?

Ciao Manu
Autorin und Bloggerin aus Leidenschaft, die Euch gerne auf ihren Recherche-Reisen quer durch Italien mitnimmt!

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