Roberto Saviano

Roberto Saviano

16. June 2020 0 By Manuela Tengler

Normalerweise widme ich keinem meiner Autorenkollegen einen eigenen Blogbeitrag, aber Roberto Saviano ist eine Ausnahme. Nicht jedem ist sein Name geläufig. Wer sich allerdings über Themen wie Mafia oder die Camorra im engeren Sinn informiert, wird sicherlich über diesen Namen stoßen. Kürzlich habe ich eine interessante Doku über den italienischen Autor gesehen, der in Neapel geboren und aufgewachsen ist.

Was hat er getan, dass er mich beschäftigt? Er hat einige Romane geschrieben, die ich im heutigen Artikel noch vorstelle, in denen sehr konkrete Fakten über die Machenschaften der Mafia beschrieben werden. Sei es über die neapolitanische Camorra, über die Ndrangheta in Kalabrien oder die Cosa Nostra: Niemand kann diese Netzwerke negieren, auch wenn man im normalen Italienurlaub ziemlich unbehelligt sein dürfte und wohl nicht mal ahnt, dass diese Pizzeria oder das Souvenirgeschäft an der Ecke in bella roma ebenfalls Schutzgeldzahlungen – Pizzo – leistet.

Jemand, der damit aufwächst und darüber recherchiert, es nicht länger tatenlos hinnehmen möchte, der verbringt dann über Nacht plötzlich sein Leben ab sofort nur noch in Schutzhaft. Wie Roberto Saviano, der sich vor einigen Jahren erst so richtig die Feindschaft aller Paten zugezogen hatte, weil er auf einer Veranstaltung sehr direkt und offen verkündete, was er von ihnen hält bzw. dass es für alle Einwohner besser wäre, wenn sie verschwinden würden.

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Eines von vielen leerstehenden Fabriksgebäuden …

Schutzhaft – Fern von Luxusleben und Bodyguard-Romantik

In der Doku zeigt sich ein ganz anderes Bild. Das Porträt eines Mannes, der plötzlich von der Bildfläche verschwinden musste, um sein Leben zu retten. Der auf nähere persönliche Kontakte verzichten muss, um niemanden aus seiner Familie in Gefahr zu bringen. Jeder, der ihn öfter besucht an seinem aktuellen Aufenthaltsort, läuft scheinbar Gefahr, dass er bedroht wird, diesen geheimen Ort zu offenbaren.

Es sind keine Luxusvillen oder komfortable Hotels, sondern meist einfache Zimmer in unauffälligen Häusern, in denen Roberto auf einige Tage oder maximal Wochen untergebracht wird. Seine Bodyguards checken die Häuser ständig. Selbst eine geschlossene Tür bei ihrer Ankunft wird als potentielle Gefahr betrachtet. Ich habe mich rasch gefragt, wie lange hielte ich so ein Leben aus? Ständig in akuter Bedrohungslage, fern von all den Menschen, die ich liebe?

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Man merkt es ihm nicht oft an, dass er Nerven zeigt und inzwischen stellt er sich selbst die Frage, ob dieser offene Aufruf wirklich vernünftig gewesen war. Hätte er es heute anders gemacht? Er meinte mal, er hätte es vielleicht nicht gemacht. Allerdings sind engagierte Journalisten wie Roberto Saviano und überzeugte Mafiajäger wie italienische Anti-Mafia-Staatsanwälte überzeugt davon, dass etwas getan werden muss, um die kriminellen Geflechte zu durchbrechen.

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Eine Außenstelle der Carabinieri – Ausbildungsstätte für zukünftige Mafiajäger

Zero.Zero.Zero

Ich kannte Savianos Namen schon vor der Sky-Serie “Zero.Zero.Zero”. Vor allem einer der Schauplätze Kalabrien brachte mich dann soweit, die als brutal und sehr realistisch dargestellte Serie anzusehen. Tatsächlich waren mir bis dahin einige Mafiamethoden schon “vertraut”, besser gesagt bekannt, aber dennoch war die Serie heftig in manchen Passagen. Mafiabosse, die in Erdhäusern wohnen, die in geheimen Schranktüren vor der Razzia fliehen …

Schlimmer war jedoch das, was nicht gezeigt wurde. Die latente Angst aller Beteiligten, denn wie ein Zahnrad beeinflusst das Schicksal eines Menschen das eines anderen. Es gab Typen, die aus diesem Gewaltverherrlichung ausbrechen wollten, aber es nicht konnten. Die Omertá, die Blutrache, wurde genauso thematisiert wie der private Hintergrund. Manchmal haben auch Drogenbosse ganz alltägliche, banale Probleme. Mitleid wäre das falsche Wort angesichts der unbeeindruckten Bereitschaft zu Mord, Erpressung, Drogenhandel und Prostitution.

Ich weiß allerdings auch, wie es im letzten Jahr um die Arbeitsmarktsituation in Kalabrien bestellt war und Corona machte es nicht besser. Viele Zeitungen brachten Artikel, wie sich die Mafia als Retter in der Not darstellt. Was sie (leider) für viele Menschen, die verzweifelt sind, auch ist, denn wenn dir niemand einen Job anbietet und du nicht weißt, wie du deine Familie ernähren sollst, dankst du dieser Hand mit den Geldscheinen. Du fragst nicht länger, woher es stammt und was du dafür tun sollst. Falsch? Sicher, aber wenn ein Mensch verzweifelt ist, scheint er dankbar …

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Überall stehen leere Hallen, vielleicht mit EU-Geldern und Förderungen finanziert …

Zero.Zero.Zero bezeichnet reines Kokain. Reines weißes Gold. Für mich war die Serie insofern beeindruckend, weil sie nicht gefakt wirkte, sondern jemand dahinter ganz genau weiß, wie die Bestechungen ablaufen und dieser normale Alltag für Menschen wie du und ich alles andere als normal wirkt. Geld regiert die Welt …

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Der Clan der Kinder – La paranza dei Bambini

Dieses Buch kann ich hier jetzt nur vorstellen, da ich es nicht gelesen habe. Allerdings habe ich den Film gesehen und dachte, heavy. Der kurzweilige Film zeigt, wie Halbwüchsige aus der Not heraus von einer besseren Welt träumen. Die Hauptfigur will nicht länger, dass seine Mutter, seine Nachbarn unter den Schutzgeldzahlungen leidet. Er will wie sein Vorgänger bewundert werden, eine Art Robin Hood werden. Dafür bezahlt er einen hohen Preis. Anfangs träumen sie von Adidas und Nike, später von Kugeln und Drogen.

Wer nicht zeigt, dass er das Zeug dazu hat, jemanden zu erpressen oder gar zu töten, wird selbst zum Opfer. Die Moral der Gschicht: Leg dich nicht mit der Mafia an, denn sie gewinnt immer. Roberto Saviano hingegen hat viele Unterstützer.

Gerade die Jugendlichen sind ihm ein Anliegen, sie will er davor bewahren, bei der Mafia zu suchen, was sie nicht finden werden: Ehrlicher Respekt und eine Zukunft. Bei der Präsentation seines neuen Buches war Saviano die Anspannung deutlich anzusehen. Angst. Blicke quer über das Publikum. Es ist nicht die Frage, ob man ihn ausschalten möchte, sondern wann es soweit ist …

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Endstation Friedhof …

Reichen Bücher, um die Menschen aufzuklären? In seinem Stadtviertel sind die Meinungen geteilt. Die einen, die ihn verehren, ihm Glück wünschen, die anderen, die ihm raten, die Klappe zu halten. Er polarisiert die Menschen seiner Stadt. Er sehnt sich danach, wieder mal ein Eis zu essen auf offener Straße, bei seinem Lieblingscafé einen Espresso zu trinken oder in seine alte Wohnung zu gehen. Sein Leben zurückzugewinnen, wie es vor diesem folgenreichen Augenblick war. Eine Illusion. Das weiß jeder. Auch Roberto Saviano.

Gomorrha – Ins Reich der Gomorrha

Diesen Film oder das Buch habe ich tatsächlich noch nicht gesehen. Es gibt inzwischen auch eine Serie mit demselben Namen. Sie steht auf meiner Watchlist und ist wie jedes Buch von Roberto Saviano sehr gut recherchiert und definitiv kein fiktiver Roman.

Saviano zieht sich manchmal den Unmut seiner italienischen Landsleute zu, die Angst haben, dass ihre Stadt in ein schlechtes Licht gerückt wird. Es ist allerdings wohl eher so wie auch in Kalabrien. Hier regen sich viele auf, man setze Kalabrien mit der Ndrangheta gleich. Nicht jeder heißt sie gut, nicht jeder arbeitet für sie.

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Leider ist es in der Realität so, dass beinahe 70 Prozent der Lokale dieses Pizzo bezahlen. In einer Doku hieß es mal, wer nicht bezahlt, brennt. Und dann gingen tatsächlich Wochen, Monate später gut gehende Trattorias und Pizzerien in Flammen auf. Da würde ich wohl auch lieber Schutzgeld bezahlen als das Leben meiner Angestellten, meiner Familie, meine Einkommensquelle zu verlieren.

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Und die nächste Fabrik, die unvollendet ist …

Für die Clans und deren Angehörige gibt es eine nette Kassa, in die regelmäßig eingezahlt wird. Geld, das dann den Witwen zum Lebensunterhalt gegeben wird oder für andere Menschen, deren Familienoberhaupt z.B. verhaftet worden ist. Verkehrte Welt, denn denen, die vor dem Nichts ihrer Existenz stehen, weil sie sich weigern, Schutzgeld zu bezahlen, zahlt in den meisten Fällen nicht mal die Versicherung etwas.

Erklär mir Italien!

Mit dem passenden Untertitel: wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt? Es ist allerdings sehr kurzweilig zu lesen und spielt viele Facetten durch. Beide, Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo, sind keine unbekannten Größen. Wer gern mehr über das Land, das er so gern besucht, erfahren möchte, ist hier bestens beraten.

Italiener können nämlich gar nicht nachvollziehen, wie wir unser klischeehaftes Bild von Bella Italia aufrechterhalten. Umso interessanter ist es, wenn man einige Brocken Italienisch gelernt hat und so die Chance hat, die Menschen näher kennen zulernen.

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Heißes Thema, aber brisanter denn je

Um die Geschichte zu verstehen, dauert es mehr als einen Blogbeitrag. Die Mafia ist ein Thema, das sich über Jahrzehnte, Jahrhunderte durch die Entstehung des Landes ihren Weg gebahnt hat. Unvollendete Autobahnen, leere Fabrikshallen stehen immensen Millionenkrediten gegenüber. Geld, das verschollen ist. Es macht vor niemandem Halt, dieses Thema, aber man sollte tatsächlich gut überlegen, mit wem man darüber ins Gespräch kommt.

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Vieles verfällt, weil Geld fehlt.

Wie immer freue ich mich über eure Kommentare. Gab es etwas, das euch mal im Italienurlaub aufgefallen ist? Gab es Situationen, in denen ihr euch nicht wohlgefühlt habt? Kauft euch eines der Bücher von Roberto Saviano oder schaut die Filme, um einen Blick hinter die Kulissen Italiens zu wagen. Ich freue mich auf eure Meinung. Buona settimana!

Ciao Manu
Autorin und Bloggerin aus Leidenschaft, die Euch gerne auf ihren Recherche-Reisen quer durch Italien mitnimmt!