Venedig: Zwischen Profitgier und Wahnsinn

Das Chaos begegnet dir nicht nur in den engen Gassen der romantischen Lagunenstadt. Auch auf dem Canal Grande, dem Guidecca Kanal und dem Markusbecken wird nicht nur in den Sommermonaten deutlich, dass das Limit endgültig überschritten ist. Taxiboote, Vaporetti, Gondeln und Kreuzfahrtschiffe, dazwischen ein paar Kanus und Springer. Die Post, Lebensmittelhändler und Lastenkäne sind zusätzlich unterwegs. Die Folge sind dramatische Zwischenfälle mit toten Touristen, Streitigkeiten darüber, wer wo und wann fahren darf.

Es ist genug, aber die Interessen der Venezianer sind vielfältig …

Eine ältere Schlagzeile der Il Gazzettino zeigt, dass man es offenbar niemandem recht machen kann. Während der ohnehin stets kritisierte Bürgermeister Brugnaro ein Fahrverbot für SUP und Kanus fordert, scheint die massive Vermietung privater Unterkünfte wie Airbnb von vielen Venezianern gut geheißen werden. Der kleine Venezianer von nebenan will nicht verzichten auf Zusatzeinnahmen, denn die großen Immobilienunternehmen machen es ja beispiellos vor: Adaptiere einen alten Palazzo und mache überteuerte Appartements draus.

Die dramatische Konsequenz verdrängen beide Seiten dabei. Irgendwann darf man sich nicht wundern, dass die Chinesen glauben, hier wäre eine Art Disneyland. In manchen Sestriere findet man kaum noch einen Supermarkt! Restaurants, Cafés und Pizzerien reihen sich aneinander, ein Papiershop hier, ein selten gewordenes Elektrogeschäft da. Apotheken gibt es noch deutlich mehr, aber für einen kleinen Einkauf zwischendurch muss man schon mal ein halbes Sestriere durchlaufen.

Für dieses scheinbar menschen- und verkehrslose Bild brauchte es viel Zeit und den perfekten Zeitpunkt.

Einmal mit der Gondel fahren?

Angebote wie der Venezia City Pass sind toll, weil man sich oftmals die Warteschlange erspart und je nach gewähltem Angebot vielerlei Museen und Palazzi einmalig besuchen kann. Die Zubuchung einer inkludierten Gondelfahrt erhöht jedoch weder die Nachfrage noch das Verständnis. Oft beobachtet und milde belächelt: Die Hälfte der ohnehin begrenzten Fahrtzeit steht man mitunter mit einem halben Dutzend anderer Gondeln im Stau und so bleibt der Genuss komplett auf der Strecke.

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Die Fahrtkosten explodieren teilweise und laute Worte wie Abzocke werden laut. Ein zweischneidiges Schwert, denn allein die Lizenz für einen Gondoliere kostet ihn rund 100.000 Euro. Viel Geld für ein Geschäft, das innerhalb des Familienverbandes weitergegeben wird und eine begrenzte Saison mitunter hat. An heißen Tagen beneide ich niemanden, im Canal Grande zu staken. Aber wenn du eine Gondel siehst, bleib mal stehen und achte auf die Fußbewegungen des scheinbar tanzenden Gondoliere. In Wirklichkeit muss er stets sein Gewicht verlagern, um die Gondel optimal und scheinbar spielerisch durch die engen Kanäle zu führen.

Gondel + Venedig = Dolce Vita perfetto

Auch wenn die Vorstellung, dass die wunderschönen Gondeln, das Wahrzeichen der Serenissima mit Kennzeichen, Rückstrahler und GPS versehen werden, schrecklich ist  – vielleicht bringt es doch mal mehr Ordnung in das zunehmende Chaos.

Betroffen von den immer wieder geänderten Regelungen sind auch die Zufahrtszeiten für Warentransporte, Müllabfuhr und die Wassertaxis. 

Die neuen Höchstgeschwindigkeiten sollen auch für die Wassertaxis gelten! Neben Video-Überwachung sollen auch Drogentests für Taxi- und Gondelfahrer vollzogen werden. Die Gondolieri müssen auch ihre Route ändern, denn bis 10.30 Uhr soll der bekannte Canal Grande frei von seinem prägenden Wahrzeichen bleiben. Also gilt für Touristen, Fotos bitte erst nach 10.30 Uhr – Blitz frei! 

Scherz beiseite. Die neuen Vorschriften haben seinen guten Grund und helfen vielleicht, den oft extremen Verkehr durch Venedig unter Kontrolle zu bringen. Zum Wohl für Bewohner und Touristen gleichermaßen. Ich muss allerdings gestehen, mir fiel bislang nicht auf, dass es Regeln gibt. Bei einer Fahrt quer über den Canal Grande mit dem Traghetto war ich fasziniert, wie sich diese Querverbindungen in den alltäglichen Wahnsinn des Verkehrs eingliedern. Viva Venezia! 

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Ciao Manu
Autorin und Bloggerin aus Leidenschaft, die Euch gerne auf ihren Recherche-Reisen quer durch Italien mitnimmt!

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